Anwendungsfall Gefahrgut

Gefahrguteinsatz üben, ohne ein Gefahrgut zu bewegen

Kennzeichnung erkennen, aus sicherer Entfernung erkunden, Bereiche ordnen und die Übergabe an nachrückende Kräfte vorbereiten: Der ABC-Einsatz lässt sich als digitales Szenario so oft durchspielen, wie es die Sicherheit im Ernstfall verlangt.

Warum diese Lage kaum realistisch geübt wird

Beim Gefahrguteinsatz fallen die Entscheidungen der ersten Minuten besonders ins Gewicht — und zugleich lässt sich diese Lage real kaum nachstellen. Ein Übungsobjekt mit echtem Produkt darf es nicht geben, ein leerer Tankaufleger mit aufgeklebter Tafel erzeugt keinen Zeitdruck, und die entscheidende Größe — die Entfernung, aus der man arbeitet — verschwindet auf dem Übungsgelände regelmäßig, weil alle Beteiligten wissen, dass nichts passieren kann.

Übrig bleibt in vielen Einheiten die theoretische Unterweisung: Tafeln auf Folien, Klassen abfragen, Vorschrift lesen. Was dabei nicht trainiert wird, ist die eigentliche Leistung — unter Unsicherheit eine Entscheidung über Raum, Zugang und Schutz zu treffen und diese Entscheidung zu begründen.

Kennzeichnung lesen: die orangefarbene Warntafel

Transporte auf der Straße unterliegen dem ADR, dem Europäischen Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße. Aus ihm stammt die orangefarbene, schwarz umrandete Warntafel. Bei Tankfahrzeugen und Tankcontainern trägt sie zwei Zahlen: oben die Gefahrnummer, die die Art der Gefahr beschreibt, unten die vierstellige UN-Nummer, die den Stoff eindeutig bezeichnet. Bei anderen Beförderungen kann die Tafel auch ohne Ziffern angebracht sein.

Ergänzend tragen Fahrzeug und Versandstücke rautenförmige Gefahrzettel mit Symbol und Klassennummer. Erst beides zusammen — Tafel und Zettel — ergibt das Bild, mit dem die Erkundung beginnt. Die Klassen des ADR gliedern sich wie folgt:

KlasseBezeichnung
1Explosive Stoffe und Gegenstände mit Explosivstoff
2Gase
3Entzündbare flüssige Stoffe
4.1 / 4.2 / 4.3Entzündbare feste Stoffe · selbstentzündliche Stoffe · Stoffe, die mit Wasser entzündbare Gase entwickeln
5.1 / 5.2Entzündend wirkende Stoffe · organische Peroxide
6.1 / 6.2Giftige Stoffe · ansteckungsgefährliche Stoffe
7Radioaktive Stoffe
8Ätzende Stoffe
9Verschiedene gefährliche Stoffe und Gegenstände

Welche Maßnahmen sich aus einer konkreten Kennzeichnung ergeben, steht nicht auf dieser Seite und gehört auch nicht auswendig gelernt: Dafür gibt es die Nachschlagewerke und Dienstvorschriften Ihrer Organisation. Geübt wird der Weg dorthin — Kennzeichnung erfassen, richtig weitermelden, nachschlagen, bewerten.

GHS-Piktogramme: Kennzeichnung im Betrieb

Auf dem Betriebsgelände, im Labor und im Lager gilt ein anderes System: die GHS-Kennzeichnung nach der europäischen CLP-Verordnung. Sie besteht aus rautenförmigen Piktogrammen mit rotem Rand, weißem Grund und schwarzem Symbol, einem Signalwort sowie den Gefahren- und Sicherheitshinweisen auf dem Etikett.

Für die Erkundung ist die Unterscheidung wesentlich: ADR-Kennzeichnung findet sich am Transportmittel, GHS-Kennzeichnung am Gebinde. Wer im Szenario in eine Lagerhalle blickt, liest also andere Zeichen als am Kesselwagen auf dem Werksgleis — und muss beide einordnen können.

Was im Szenario tatsächlich abgefragt wird

  • Wo befindet sich die Kennzeichnung und ist sie überhaupt vollständig lesbar
  • Welche Angabe wird an die Leitstelle gemeldet und in welcher Reihenfolge
  • Welche Informationsquellen werden herangezogen, bevor entschieden wird
  • Welche Annahme wird getroffen, wenn die Tafel verdeckt oder beschädigt ist
  • Wird die Lagebeurteilung nachgeführt, wenn neue Angaben eintreffen

Erkundung aus sicherer Entfernung

Die zentrale Regel des ABC-Einsatzes ist zugleich die am schwersten zu übende: Abstand halten. Im digitalen Szenario steht der Erkundungsstandpunkt fest — die Einsatzkräfte sehen das Objekt aus der Entfernung, aus der sie es real sähen, mit allen Folgen: Die Tafel ist klein, teilweise verdeckt, der Auflieger steht schräg, und die Person, die Auskunft geben könnte, steht weit weg.

Trainierbar wird damit die Beschaffung von Information ohne Annäherung: Fernglas und Kamerabild nutzen, Beteiligte befragen statt selbst hineinzugehen, Beförderungspapiere anfordern, den Betreiber oder Fahrer als Auskunftsperson erschließen. In Pointica sind solche Auskunftspersonen als sprechende, KI-gestützte Betroffene hinterlegt — sie antworten frei, auch unvollständig oder widersprüchlich, wie im Einsatz.

Absperrbereich, Zugang und Ordnung des Raumes

Aus der Bewertung folgt die Ordnung des Raumes: Wo verläuft die Absperrung, wo liegt der Zugang, welche Bereiche werden für Bereitstellung, Dekontamination und Verletztenversorgung freigehalten. Die konkreten Maße und Kriterien richten sich nach der bei Ihnen geltenden Dienstvorschrift und nach der Lage — die Übung prüft nicht Zahlen, sondern ob die Ordnung schlüssig ist, dokumentiert wird und für alle Beteiligten dieselbe ist.

Dekontamination als Führungsaufgabe

Dekontamination ist im Szenario kein Handgriff, sondern eine Planungsaufgabe. Geübt wird, wer den Auftrag erteilt, welche Kräfte dafür nachgefordert werden, wo die Fläche liegt, wie der Weg von der Einsatzstelle dorthin verläuft und ab wann eine Person an den Rettungsdienst übergeben werden darf. Ebenso zur Führung gehört die Registrierung: Wer war im Bereich, wie lange, mit welchem Schutz.

Die fachlichen Festlegungen dazu stehen in den Vorschriften und Einsatzunterlagen Ihrer Organisation. Das Szenario ersetzt sie nicht — es schafft die Situation, in der die Festlegungen angewendet und im Nachgang besprochen werden können.

Vorschriften: was diese Seite bewusst nicht tut

Für den ABC-Einsatz der Feuerwehren existiert die Feuerwehr-Dienstvorschrift 500 „Einheiten im ABC-Einsatz“. Für den Transport gilt das ADR, für die Kennzeichnung im Betrieb die europäische CLP-Verordnung. Diese Seite nennt die Regelwerke, gibt aber weder Inhalte, Grenzwerte, Abstände noch Stoffdaten wieder — verbindlich ist ausschließlich die jeweils gültige Fassung in Verbindung mit den Vorgaben Ihrer Organisation.

Auch die Plattform selbst stellt keine Stoffdaten bereit und ersetzt keine Gefahrstoffdatenbank. Sie bildet die Lage, die Kommunikation und die Entscheidungen ab — die fachliche Bewertung bleibt bei den Einsatzkräften und ihren Nachschlagewerken.

Ablauf eines Gefahrgut-Szenarios

Während der Übung

  • 360°-Umgebung mit Objekt in realer Entfernung
  • Auskunftspersonen per Sprache befragen
  • Übungsleiter spielt Meldungen und Lageänderungen ein
  • Absperrung und Bereiche auf der Lagekarte
  • Funk und Einsatztagebuch laufen mit

Nach der Übung

  • Zeitpunkt der ersten Lagemeldung
  • Wann die Kennzeichnung erfasst wurde
  • Ob die Ordnung des Raumes nachgeführt wurde
  • Protokoll als Grundlage der Nachbesprechung
  • Zweiter Durchgang mit veränderter Ausgangslage
Im Browser, ohne Installation Geführt oder frei Mehrere Organisationen gemeinsam Protokoll für die Nachbesprechung

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